Kompakter Zweiwege-Lautsprecher im Vordergrund scharf, das Wohnzimmer dahinter löst sich in Unschärfe auf

Nahfeld vs. Fernfeld: Hören im kleinen Raum und der Hallradius

Kurz gesagt

  • In einem normalen Wohnzimmer liegt der Hallradius zwischen 0,50 und 0,75 m – und zwar über die gesamte Spanne von 12 bis 60 m². Bei den üblichen 2,5 m Hörabstand sitzt du also um den Faktor 3 bis 5 außerhalb davon.
  • Das lässt sich nicht wegdämpfen. Der Hallradius wächst nur mit der Wurzel: Nachhallzeit halbieren bringt Faktor 1,41. Um im 20-m²-Raum auf 2,5 m zu kommen, bräuchtest du eine Nachhallzeit von 0,026 Sekunden – das ist ein reflexionsarmer Messraum, kein Wohnzimmer.
  • Näher zu rücken ist deshalb die wirksamste Einzelmaßnahme, die nichts kostet. Aber nicht beliebig nah: bei 0,5 m liegen Hoch- und Tieftöner einer normalen Box an der Trennfrequenz rund 100 Grad auseinander.

Ich bin über dieses Thema gestolpert, weil ich etwas ganz anderes wissen wollte. Die Frage war eigentlich, wie viel ein paar Absorber in einem durchschnittlichen Wohnzimmer wirklich bringen – und ob sich der Aufwand lohnt, bevor man an teurere Geräte denkt.

Beim Nachrechnen kam etwas heraus, das ich so nicht erwartet hatte. Nicht dass Absorber nichts bringen; sie bringen durchaus etwas. Sondern dass die Grenze zwischen „ich höre meine Lautsprecher“ und „ich höre meinen Raum“ viel näher an der Box liegt, als in praktisch jedem deutschsprachigen Ratgeber steht. So nah, dass eigentlich niemand innerhalb dieser Grenze sitzt.

Das ist der Kern von Nahfeld und Fernfeld. Die beiden Begriffe klingen nach Studio-Fachchinesisch, aber dahinter steckt eine Zahl, die du für dein eigenes Zimmer in dreißig Sekunden ausrechnen kannst – und die erklärt, warum manche Verbesserungen sofort hörbar sind und andere im Nichts verpuffen.

Was „Nahfeld“ eigentlich heißt – und was nicht

Bevor es um Zahlen geht, muss ein Missverständnis weg. „Nahfeld“ bedeutet in der Audiowelt drei verschiedene Dinge, und die werden regelmäßig durcheinandergeworfen.

Das Abhör-Nahfeld

Das ist die Bedeutung, um die es in diesem Artikel geht: Du sitzt so nah an den Lautsprechern, dass der direkte Schall lauter bei dir ankommt als das, was der Raum zurückwirft. Der Raum verschwindet dadurch nicht, er tritt nur in den Hintergrund. Als Konzept für Studiomonitore hat das Ed Long eingeführt, dem die Fachwelt die ersten Nahfeld-Studiomonitore zuschreibt.

Das akustische Nahfeld eines Treibers

Direkt vor einer Membran ist das Schallfeld noch nicht sortiert: Druck und Schnelle laufen dort nicht im Gleichtakt, und mehrere Treiber haben sich noch nicht zu einer gemeinsamen Wellenfront zusammengefunden. Das ist Physik im Zentimeterbereich und hat mit deinem Sitzplatz nichts zu tun – wohl aber mit der Frage, wie nah du überhaupt heranrücken darfst. Dazu weiter unten mehr.

Die Nahfeldmessung

Eine Messtechnik, bei der das Mikrofon millimeternah vor dem Tieftöner sitzt, um den Bass ohne Raumeinfluss zu erfassen. Taucht in Messschrieben auf und ist der Grund, warum manche Herstellerkurven im Tiefton verdächtig glatt aussehen. Wie man solche Diagramme liest, habe ich beim Thema Frequenzgang auseinandergenommen.

Wenn im Folgenden „Nahfeld“ steht, ist immer das Erste gemeint. Und das Fernfeld ist schlicht alles jenseits davon: der Bereich, in dem der Raumschall die Oberhand hat.

Der Hallradius: die Grenze, um die es geht

Die Grenze zwischen beidem hat einen Namen und eine Formel. Sie heißt Hallradius. Eberhard Sengpiel, lange Jahre an der UdK Berlin, definiert ihn in seinen Antworten zum Hallradius so: Es ist der Abstand von der Schallquelle, „bei dem der Direktschallpegel und der Raumschallpegel (Diffus-Schallpegel) gleich groß“ sind. Direkt und diffus stehen dort exakt eins zu eins.

Ein Detail daran finde ich schön: Weil sich an dieser Stelle zwei gleich große Anteile addieren, ist der Gesamtpegel dort 3 dB höher als jeder Anteil für sich. Der Hallradius ist also kein theoretisches Konstrukt, sondern eine messbare Stelle im Zimmer.

Die Bestimmungsgleichung dazu lautet bei Sengpiel rH = 0,057 · √(V / T60), mit dem Volumen V in Kubikmetern und der Nachhallzeit T60 in Sekunden. Die deutsche Wikipedia leitet den Hallradius über einen ganz anderen Weg her, nämlich über die äquivalente Absorptionsfläche, und landet bei derselben Konstante. Zwei unabhängige Herleitungen, dieselbe Zahl – das gibt mir genug Vertrauen, damit zu rechnen.

Und jetzt kommt der Punkt, an dem die meisten Artikel aufhören und ich anfangen wollte. Denn eine Formel ohne eingesetzte Werte sagt niemandem etwas.

Wie groß ist der Hallradius in deinem Wohnzimmer?

Um die Formel zu füllen, braucht es eine realistische Nachhallzeit. Die meisten Quellen setzen an dieser Stelle einfach einen Wunschwert ein – „0,4 Sekunden sind gut“ – und rechnen damit weiter. Das fand ich unbefriedigend, weil dein Zimmer ja nicht ist, wie es sein sollte, sondern wie es ist.

Es gibt dafür belastbare Daten. C. Burkhart vom Akustikbüro Schwartzenberger hat 1994 auf der DAGA eine Auswertung vorgelegt: Nachhallzeit in eingerichteten und leeren Wohnräumen, gestützt auf 319 Messungen in eingerichteten Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmern. Keine Idealwerte, keine Hörraumbesitzer mit Ambitionen, sondern normale bewohnte Räume. Aus den Mittelwerten ergibt sich eine schlichte Geradengleichung: T = 0,28 + 0,0039 · V.

Setzt man beides zusammen – gemessene Nachhallzeit rein, Hallradius raus –, sieht das für die üblichen Raumgrößen so aus:

Hallradius in eingerichteten Wohnräumen, eigene Rechnung – Deckenhöhe 2,5 m, Rundstrahler
Grundfläche Volumen Nachhallzeit Hallradius bei 2,5 m Hörabstand
12 m² 30 m³ 0,40 s 0,50 m 5,0×
16 m² 40 m³ 0,44 s 0,55 m 4,6×
20 m² 50 m³ 0,48 s 0,59 m 4,3×
25 m² 62,5 m³ 0,52 s 0,62 m 4,0×
30 m² 75 m³ 0,57 s 0,65 m 3,8×
40 m² 100 m³ 0,67 s 0,70 m 3,6×
60 m² 150 m³ 0,87 s 0,75 m 3,3×

Nachhallzeit aus der Regressionsgleichung T = 0,28 + 0,0039 · V (Burkhart, DAGA 1994, 319 eingerichtete Räume), Hallradius nach rH = 0,057 · √(V / T60) (Sengpiel, UdK Berlin). Die letzte Spalte gibt an, um welchen Faktor ein Hörabstand von 2,5 m außerhalb des Hallradius liegt. Wichtig: Die Regression beschreibt Mittelwerte. Burkhart gibt die Streuung innerhalb einer Volumenklasse mit „meist 0,2 s, teilweise bis zu 0,9 s“ an – dein Zimmer kann also spürbar daneben liegen. Die Studie ist außerdem von 1994, und der dort beschriebene Trend geht zu kürzeren Nachhallzeiten; heutige Räume dürften eher etwas darunter liegen, was den Hallradius leicht vergrößert.

Diese Tabelle hat mich beim ersten Durchrechnen ehrlich überrascht, und zwar aus zwei Gründen.

Der erste ist die absolute Größe. Der Hallradius bleibt in jedem realistischen Wohnraum unter einem Meter. Nicht knapp darunter, sondern deutlich – irgendwo zwischen einem halben und einem Dreiviertelmeter. Kein Mensch sitzt so nah an seinen Standlautsprechern. Wer auf dem Sofa in 2,5 oder 3 Metern Entfernung sitzt, sitzt tief im Fernfeld, egal wie gut die Anlage ist.

Der zweite ist die Trägheit. Von 12 auf 60 Quadratmeter ist das Fünffache an Volumen – und der Hallradius wächst dabei um ganze 52 Prozent. Der Grund steht in der Formel: Der Hallradius wächst zwar mit der Wurzel aus dem Volumen, aber in einem größeren Raum wächst eben auch die Nachhallzeit mit. Die beiden Effekte fressen sich gegenseitig fast auf. „Ich brauche einfach einen größeren Raum“ ist als Antwort damit ziemlich entwertet.

Der Teil, der wehtut: wegdämpfen funktioniert nicht

Die naheliegende Reaktion auf diese Tabelle ist: gut, dann eben Absorber. Nachhallzeit runter, Hallradius rauf, Problem gelöst.

Leider steht dem eine Wurzel im Weg. Sengpiel formuliert es knapp: „Der Hallradius wird mit dem Kehrwert der Wurzel aus der Nachhallzeit T60 kleiner.“ Umgekehrt heißt das, dass du die Nachhallzeit vierteln musst, um den Hallradius zu verdoppeln. In unserem 20-Quadratmeter-Beispiel: von 0,48 auf 0,12 Sekunden.

Und wenn du wirklich möchtest, dass dein Sofaplatz in 2,5 Metern im Nahfeld liegt, dann rechnet die Formel dir eine Nachhallzeit von 0,026 Sekunden aus. Das ist kein gut behandeltes Wohnzimmer mehr. Das ist ein reflexionsarmer Messraum mit meterlangen Absorberkeilen an allen sechs Flächen, und darin möchte niemand Musik hören.

Ich will damit ausdrücklich nicht sagen, dass Raumbehandlung sinnlos ist – ich halte sie für die mit Abstand beste Investition pro Euro, und welche Maßnahmen ohne Umbau tatsächlich etwas bringen, habe ich separat aufgeschrieben. Nur wirkt sie anders, als die Hallradius-Rechnung nahelegt. Absorber an den richtigen Stellen zähmen einzelne frühe Reflexionen, und die hört man sehr deutlich. Die Grenze zwischen Nah- und Fernfeld verschieben sie praktisch nicht.

Es gibt noch einen zweiten Hebel, den die Formel offenlässt. In der vollständigen Fassung steht ein Bündelungsgrad Q darin, und der Hallradius wächst mit dessen Wurzel. Ein Lautsprecher strahlt eben nicht wie eine Kugel ab, sondern bündelt – zu höheren Frequenzen hin immer stärker. Rechnest du beispielhaft mit einem Bündelungsmaß von 6 dB, also Q = 4, verdoppelt sich der Hallradius auf knapp 1,2 Meter. Besser, aber immer noch nicht der halbe übliche Hörabstand.

Interessanter als die Zahl ist die Konsequenz daraus. Weil die Bündelung mit der Frequenz zunimmt, ist der Hochton am Hörplatz relativ direkter als der Mittelton. Genau deshalb verändert sich die Klangbalance, wenn du dich bewegst: Ein Schritt näher wirkt fokussierter und etwas frischer, ein Schritt zurück weicher und diffuser. Das ist kein Einbildungseffekt, das steht so in der Formel.

Was am Hörplatz tatsächlich ankommt

Die Anteile lassen sich beziffern. Das Verhältnis von Direkt- zu Diffusschall fällt mit dem Quadrat des Abstands, in Dezibel also mit 20·log₁₀(rH/r). Für unseren 20-Quadratmeter-Raum mit 0,59 m Hallradius:

Auf 1 Meter liegt der Direktschall schon 4,7 dB unter dem Raumschall; sein Energieanteil beträgt rund 26 Prozent. Auf 2 Metern sind es −10,7 dB und knapp 8 Prozent. Auf 2,5 Metern, dem klassischen Sofaabstand, sind es −12,6 dB und gerade noch 5 Prozent. Auf 4 Metern bleiben 2 Prozent übrig.

Fünf Prozent. Das ist der Anteil dessen, was dein Lautsprecher direkt zu dir schickt, am gesamten Energieaufkommen an deinem Ohr. Alles andere ist Zimmer. Wenn man einmal verstanden hat, wie stark hier der Raum am Steuer sitzt, wirkt die Debatte über Kabel und Gerätefüßchen noch eine Spur schräger, als sie ohnehin schon ist.

Dass es trotzdem funktioniert und wir nicht in Matsch ertrinken, verdanken wir unserem Gehör. Es wertet die zuerst eintreffende Wellenfront für die Ortung aus und schiebt spätere Reflexionen in den Hintergrund – der Präzedenzeffekt, über den ich in der Einführung in die Psychoakustik ausführlicher geschrieben habe. Das Gehör repariert also einen großen Teil dessen, was der Raum anrichtet. Aber es repariert nicht alles, und je größer der Diffusanteil, desto mehr Arbeit hat es damit.

Näher ist besser – aber nicht beliebig nah

Aus allem bisher Gesagten folgt eine unbequem einfache Empfehlung: Rück näher ran. Der Direktanteil steigt mit dem Quadrat, jeder halbe Meter zählt spürbar, und es kostet nichts.

Nur hört genau hier der Ratgeber-Konsens meistens auf, und das ärgert mich, weil die Sache eine zweite Seite hat. Ein Lautsprecher mit getrennten Treibern will nämlich nicht beliebig nah gehört werden.

Der Grund ist simpel geometrisch. Sitzt du auf Hochtöner-Achse, ist der Tieftöner ein Stück weiter von deinem Ohr entfernt als der Hochtöner. Diese Wegdifferenz ist bei großem Abstand vernachlässigbar und wird umso gravierender, je näher du kommst. Ausgerechnet an der Trennfrequenz, wo beide Treiber gemeinsam arbeiten und sich sauber addieren sollen, wird daraus ein Phasenfehler.

Wegdifferenz zwischen Hoch- und Tieftöner über den Hörabstand, eigene Rechnung
Hörabstand Wegdifferenz Phasenfehler bei 2,5 kHz
0,50 m 3,9 cm 101°
0,75 m 2,6 cm 69°
1,00 m 2,0 cm 52°
1,50 m 1,3 cm 35°
2,00 m 1,0 cm 26°
2,50 m 0,8 cm 21°
3,00 m 0,7 cm 18°

Angenommen sind 0,20 m Abstand zwischen den akustischen Zentren von Hoch- und Tieftöner und eine Trennfrequenz von 2,5 kHz (Wellenlänge 13,7 cm bei 343 m/s). Gerechnet als Δ = √(d² + h²) − d, umgerechnet über 360° · Δ/λ. Bei einer kompakten Box mit nur 0,14 m Treiberabstand fällt der Fehler bei 0,5 m auf 51° und bei 1 m auf 26°.

Bei einem halben Meter Abstand kommen die beiden Treiber an der Trennfrequenz also rund hundert Grad verschoben bei dir an. Was in der Weiche als sauberer Übergang ausgelegt war, ist an dieser Stelle keiner mehr. Ab etwa anderthalb bis zwei Metern beruhigt sich das auf Werte, die eine ordentlich abgestimmte Weiche verkraftet.

Damit hat man beide Enden beisammen: Der Hallradius zieht dich nach vorn, die Treiberintegration hält dich zurück. Für eine normale Standbox liegt das Optimum irgendwo zwischen 1,5 und 2,5 Metern – nah genug, dass der Direktschall zählt, weit genug, dass die Treiber verschmelzen. Wie du daraus zusammen mit dem Basisabstand ein sauberes Stereodreieck baust, steht im entsprechenden Artikel.

Nebenbei erklärt die Gegenprobe in der Tabelle auch, warum Nahfeld-Monitore so aussehen, wie sie aussehen. Kleine Zweiwege-Boxen mit eng beieinanderliegenden Treibern sind nicht aus Platzgründen so gebaut, sondern weil sie den einzigen Weg darstellen, auf dem man den Hörabstand ernsthaft verkürzen kann, ohne den Übergang zu zerlegen. Aus demselben Grund sind sie fast immer aktiv ausgeführt – die Weiche sitzt vor der Endstufe und lässt sich präziser auf genau diese Geometrie abstimmen.

Unterhalb von rund 200 Hz gilt das alles nicht

Eine Einschränkung, die in Hallradius-Erklärungen fast immer fehlt und ohne die man falsche Schlüsse zieht: Das ganze Modell aus Direkt- und Diffusschall setzt ein diffuses Schallfeld voraus. Also viele Reflexionen aus allen Richtungen, gleichmäßig verteilt.

Diese Voraussetzung ist im Bass schlicht nicht erfüllt. Dort ist die Wellenlänge so groß, dass sich zwischen den Wänden einzelne stehende Wellen ausbilden – Raummoden. Die Grenze dazwischen heißt Schröder-Frequenz und lässt sich ebenfalls ausrechnen: fs = 2000 · √(T/V). Für unsere Räume aus der Tabelle liegt sie zwischen 152 Hz beim 60-Quadratmeter-Raum und 230 Hz bei 12 Quadratmetern; für kleine Zimmer nennt die Wikipedia zum Thema Raummoden Werte um 300 Hz. Grob gesagt liegt die Grenze also irgendwo zwischen 150 und 300 Hz.

Unterhalb davon wird es, so die Wikipedia, hörbar: Moden verursachen dort Klangverfärbungen, „die als Dröhnen, Booming oder Ein-Noten-Bass empfunden“ werden. Und diese Probleme verschwinden nicht, wenn du näher an die Boxen rückst – sie hängen an deiner Position im Raum, nicht an deinem Abstand zur Quelle. Deswegen ist im Bass die Position von Sitzplatz und Lautsprechern entscheidend und nicht die Distanz; das ist auch der Grund, warum sich ein Subwoofer nur mit Messung sinnvoll integrieren lässt.

Man muss den Raum also in zwei Regime aufteilen. Oben regiert der Hallradius und du hilfst dir mit Abstand. Unten regieren die Moden und du hilfst dir mit Aufstellung. Wer nur eines von beidem bearbeitet, wundert sich hinterher über die Hälfte des Ergebnisses.

Was ich daraus praktisch mitnehmen würde

Rechne zuerst deinen eigenen Wert aus. Grundfläche mal Deckenhöhe ergibt das Volumen, die Burkhart-Gleichung liefert eine plausible Nachhallzeit, und 0,057 mal die Wurzel aus V geteilt durch T ergibt deinen Hallradius. Du wirst mit ziemlicher Sicherheit irgendwo bei einem halben bis dreiviertel Meter landen – und weißt damit, um welchen Faktor du zu weit weg sitzt.

Dann verkürze den Hörabstand, so weit es Wohnzimmer und Treibergeometrie zulassen. Das ist die einzige Maßnahme in diesem Text, die sofort wirkt, nichts kostet und sich in fünf Minuten ausprobieren lässt. Ein Sessel einen Meter weiter vorn verändert das Verhältnis von Direkt- zu Diffusschall stärker als jedes Gerät, das du für dasselbe Geld kaufen könntest.

Wenn dein Raum klein ist, ist das übrigens eine gute Nachricht und keine schlechte. Kleine Räume haben zwar den kleineren Hallradius, aber sie erzwingen auch kürzere Hörabstände – unterm Strich landest du oft bei einem besseren Verhältnis als jemand mit großem Wohnzimmer und Sofa an der Rückwand. Wobei im kleinen Raum die Bauform mitspielt: Zur Frage, wann eine Kompaktbox die vernünftigere Wahl ist, gibt es einen eigenen Artikel, und welche Modelle im Budgetbereich taugen, steht in der Übersicht zu den besten Regallautsprechern bis 500 Euro.

Und wenn du an Absorber denkst: gerne, aber mit der richtigen Erwartung. Sie zähmen frühe Reflexionen und nehmen Schärfe aus dem Klangbild. Sie holen dich nicht ins Nahfeld. Das schafft nur der Stuhl.

Häufige Fragen

Kann ich den Hallradius zu Hause messen statt rechnen?

Direkt messen ist aufwendig, weil du dafür Direkt- und Diffusanteil trennen müsstest. Indirekt geht es gut: Du brauchst nur die Nachhallzeit, und die lässt sich mit einem Messmikrofon und kostenloser Software wie REW ermitteln. Anschließend setzt du sie in dieselbe Formel ein und bekommst einen Wert für deinen echten Raum statt für den statistischen Mittelwert.

Bringen Kopfhörer nicht einfach mehr, wenn der Raum so dominiert?

Für das Verhältnis von Direkt- zu Diffusschall auf jeden Fall – beim Kopfhörer gibt es schlicht keinen Raum, der dazwischenfunkt. Dafür fehlt die natürliche Kreuzkopplung zwischen den Ohren, was zur Im-Kopf-Lokalisation führt. Die beiden Wiedergabewege lösen unterschiedliche Probleme, und deshalb ersetzt keiner den anderen wirklich.

Ändert sich der Hallradius, wenn ich lauter höre?

Nein. Er ist eine reine Eigenschaft von Raum und Abstrahlverhalten und verschiebt sich mit dem Pegel nicht. Direkt- und Diffusschall steigen gemeinsam, ihr Verhältnis bleibt gleich. Was sich mit der Lautstärke ändert, ist die wahrgenommene Klangbalance – warum das so ist, steht bei den Zusammenhängen zwischen Watt und Lautstärke.

Was mich an dieser Rechnerei am meisten beschäftigt hat, ist nicht das Ergebnis selbst, sondern wie selten es irgendwo auftaucht. Der Hallradius steht in jedem Akustik-Lehrbuch, die Nachhallzeiten echter Wohnräume sind seit über dreißig Jahren gemessen und veröffentlicht – man muss beides nur einmal zusammenbringen, und schon ist klar, dass praktisch jeder von uns tief im Fernfeld hört. Ich finde das nicht entmutigend. Es sortiert nur ziemlich gründlich um, woran man als Nächstes schrauben sollte.

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